Slippery Slope – Das Dammbruchargument
Das Dammbruchargument, auch als slippery slope bekannt, ist ein logischer Fehlschluss, bei dem behauptet wird, ein einzelner Schritt führe zwangsläufig zu einer Kette weiterer, immer extremerer Entwicklungen. Bis hin zu einem angeblich katastrophalen und absolut unvermeidbaren Endzustand. Die entscheidende Eigenschaft dieses Arguments ist nicht die Warnung vor Risiken an sich, sondern die Behauptung der Unvermeidbarkeit: Wenn A passiert, dann folgt automatisch B, C und schließlich D – ohne dass diese Übergänge empirisch belegt oder logisch zwingend hergeleitet werden.
Was ist ein Slippery Slope/Dammbruchargument?
Eine rutschige Ebene bzw. Hang ist deshalb so gefährlich, weil man diese höchstwahrscheinlich ganz runter rutschen würde, sobald man sie betritt. Dass dieser Hang am Ende vielleicht doch nicht so steil abfällt oder man sich ja vielleicht auch irgendwo noch festhalten kann, wird bei dem Argument verschwiegen.
Während der englische Name sich auf eine Steigung bezieht, hat sich im Deutschen das Bild vom Damm durchgesetzt, bei dem die Wassermassen nicht mehr gebändigt werden können, wenn er einmal gebrochen ist.
Beides beschreibt treffend, wie das Argument funktioniert: Es wird unterstellt, dass eine Aktion A zwangsläufig eine nicht mehr kontrollierbare Flut von allgemein unerwünschten Folgen nach sich zieht, so dass man bereits Aktion A auf jeden Fall verhindern muss. Auch das Bild der Lawine oder des Domino-Effekts illustriert in diesem Zusammenhang die Gewalt und Unbeherrschbarkeit der Ereignisse.
Wie funktioniert die Taktik?
Das Dammbruchargument arbeitet mit einer nicht überprüften Vorhersage angeblich miteinander verketteter Ereignisse. Ausgangspunkt ist meist eine reale, kritisierte oder oft auch gemäßigte Maßnahme oder Position. Diese kritisierte Situation wird jedoch nicht für sich allein betrachtet, sondern als „erster fallender Dominostein” dargestellt.
Sie unterstellt zwingende Folgen da, wo es sich um reine Möglichkeiten und Eventualitäten handelt, und stellt diese Folgen als möglichst unangenehm und moralisch verwerflich dar.
Grundsätzlich kann ein Dammbruchargument aber auch valide sein. Das hängt unter anderem davon ab, wie wahrscheinlich das Eintreten der unerwünschten Folgen ist. Die Beurteilung der Folgen muss also rational nachvollziehbar und auf valide Daten, Fakten und Studien gestützt sein.
Wenn wir aus der Vergangenheit wissen, dass eine Handlung A zu einem Dammbruch geführt hat, kann es durchaus legitim sein, bei einer ähnlichen Vorgehensweise in der Gegenwart zu Vorsicht zu mahnen (vgl. Kassandra-Syndrom). Ein valides Dammbruchargument weist auf mögliche Gefahren hin, die einer vernünftigen Risikoabschätzung zugänglich sind, während es als Taktik der Desinformation als Totschlagargument unausweichliche Horrorszenarien an die Wand wirft.
Beispiele
Annegret Kramp-Karrenbauer 2015 über die Ehe für alle:
“Wenn wir diese Definition [der Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau] öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen”, mahnte Kramp-Karrenbauer.”
Auch in der Diskussion um selbstbestimmtes Sterben, Schwangerschaftsabbrüche und Präimplantationsdiagnostik treten Dammbruchargumente häufig auf:
- “Wenn man heute erlaubt, dass unheilbar erkrankte Menschen ihr Leben mit ärztlicher Hilfe beenden, dann haben wir morgen die Erwartungshaltung an alle über 100 und unsere Gesellschaft bricht unter der Belastung zusammen.”
- “Wenn wir erlauben, dass eine Schwangerschaft bis zur 12. Woche beendet werden darf, dann wird sich diese Grenze immer weiter nach hinten verschieben. Bis hin zum Moment der Geburt.”
Warum ist die Taktik so gefährlich?
Ein Slippery Slope/Dammbruchargument wirkt stark, weil es Angst vor Kontrollverlust anspricht.
Menschen sind evolutionär darauf gepolt, uns präsentierte Bedrohungen ernst zu nehmen. Insbesondere solche, die als unumstößlich dargestellt und auch so wahrgenommen werden.
Es ist auf den ersten Blick nicht immer möglich, die Plausibilität aller möglichen Folgen einzuschätzen, insbesondere, wenn man sich aufgrund fehlender Erfahrungen im Bereich bloßer Spekulation und Behauptung befindet (siehe Kramp-Karrenbauer).
Gleichzeitig kann man kaum jede auch noch so unwahrscheinliche Konsequenz widerlegen: Den Gesetzen der Logik folgend kann man natürlich nicht garantieren, dass nicht auch ein Ereignis eintreten kann, welches man zum aktuellen Zeitpunkt mit großer Sicherheit ausschließen kann.
Wie bei allen anderen Taktiken der Desinformation haben wir es auch hier in erster Linie mit einer Derailing-Taktik zu tun: Der Fokus der Diskussion wird vom eigentlichen Gegenstand – Aktion A – hingelenkt auf die angeblich zwangsläufig eintretenden Konsequenzen, bei denen in der Regel aber breite Einigkeit über ihre Ablehnung besteht. Dadurch wird das zum Dammbruch und somit zum Totschlagargument.
In Kombination mit anderen Taktiken, z.B. dem Overton-Fenster oder dem Strohmann, kann das Dammbruchargument gezielt eingesetzt werden, um gemäßigte oder liberale Positionen als gefährlich oder „naiv“ zu diskreditieren.
Damit erzeugt es gleich noch ein falsches Dilemma: Entweder alles bleibt, wie es ist – oder alles eskaliert völlig!
Als gezielte Desinformationstaktik tritt das Dammbruchargument besonders häufig bei Themen wie Migration, Gender, Klimaschutz oder Digitalisierung auf, weil dort ohnehin Unsicherheit und großer Veränderungsdruck bestehen.
Do's und Don'ts
- Ist das Dammbruchargument überhaupt einer Risikobewertung zu unterziehen, oder ist es so fiktiv, dass ein Eintreten nicht wahrscheinlich ist? Z.B. Alien-Invasion.
- Bestehe auf der Prüfung jedes einzelnen Schritts: Welche Annahmen verbinden A tatsächlich mit B? Fokussiere nicht das Worst-Case-Szenario, sondern den angeblichen Weg dorthin.
- Frage nach empirischen Belegen, Fakten, Daten und prüfe auch diese.
- Tritt geistig einen Schritt zurück und versuche, die realen Risiken von spekulativen Horrorszenarien abzugrenzen. Vermische sie nicht in deiner Bewertung. Angst ist ein schlechter Ratgeber.
- Weise in der Debatte darauf hin, dass Entscheidungen auch reversibel und regulierbar sein können. Idealerweise bringst du natürlich Beispiele.
- Übernimm keinesfalls die Narrative der Horrorszenarien, nur weil sie für dich auf den ersten Blick plausibel klingen oder sie dich emotional ansprechen (auch wenn du rational weißt, dass sie falsch sind). Verbreite sie nicht leichtfertig weiter, sondern immer im Kontext der Aufklärung.
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