Logische Fehlschlüsse: Der Strohmann

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Logische Fehlschlüsse begegnen uns täglich, besonders in kontroversen Diskussionen im Netz. Es sind Denkfehler, die Menschen entweder routinemäßig unterlaufen, etwa aus Unachtsamkeit, oder aber die gezielt in einer Argumentation eingesetzt werden, weil sie, wenn sie nicht erkannt werden, die eigene Position stärken. Werden sie aber erkannt, verpufft die argumentatorische Wirkung. Die Arten dieser Fehlschlüsse sind vielfältig und manche von ihnen so vielschichtig, dass ein gewisses Maß an Hintergrundwissen nötig ist, um sie zu enttarnen. Grund genug, uns in dieser Artikelreihe einmal näher mit ihnen zu befassen.

Strohmänner und rote Heringe

Eine weit verbreitete und immer wieder gerne angewandte Taktik, um Diskussionen zum entgleisen zu bringen, ist das sogenannte Strohmann-Argument. Dabei ist der alleinige Grundgedanke, in der laufenden Diskussion zu “gewinnen”, also das gegnerische Argument zu widerlegen. Bei diesem speziellen Trick wird sich allerdings gar nicht erst die Mühe gemacht, das echte Argument zu widerlegen. Stattdessen wird irgendetwas widerlegt, und zwar so klar und eindeutig, dass es gar keine Einrede geben kann. Dabei geht, wenn alles klappt, vollkommen unter, dass das soeben widerlegte Argument von der Gegenseite überhaupt nicht angeführt wurde. Die Diskussion wird also auf eine komplett falsche Fährte gelockt.

Es handelt sich dabei um einen sogenannten informalen Fehlschluss. Anstelle des Gegenübers wird eine weitere, fiktive Person, der Strohmann, erschaffen und ihr Argumente in den Mund gelegt. Damit entstehen falsche Prämissen, die zu einem Fehlschluss führen.

Wer den grundlegenden Aufbau von Schlussfolgerungen, sowie den Unterschied zwischen formalen und informalen Fehlschlüssen noch einmal nachschlagen möchte, findet am Anfang der ersten Artikels dieser Reihe eine genauere Beschreibung.

Diese Taktik wird auch “red herring”, also roter Hering, genannt. Der Hintergrund ist, dass gepökelte Heringe eine rötliche Färbung und einen starken Geruch annehmen. Sie sollen im 17. Jahrhundert in der Tat zum Ablenken von Spürhunden benutzt worden sein.

Die “straw man fallacy” kann in verschiedenen Varianten auftreten:

Die Verzerrung / Übertreibung
Dabei wird das gegnerische Argument übertrieben, verzerrt oder sogar komplett falsch wiedergegeben. Dem Gegenüber wird also ein Argument untergeschoben, das er nicht wirklich vertritt. Dabei wird die These oft ins Lächerliche gezogen, um sie angreifbarer zu machen. Dann wird dieses Argument widerlegt und damit suggeriert, dass das eigentliche Argument des Gegenübers damit auch widerlegt sei.

Beispiel:

A: “Ich find sonnige Tage toll.”
B: “Aha, du willst also, dass es nie mehr regnet und Dürre und Hungersnot über uns hereinbrechen? Das ist grausam.”

konstruierte, schwache Argumente
Hierbei werden dem Strohmann besonders schwache Argumente in den Mund gelegt, die sich besonders leicht widerlegen lassen. Andere Argumente werden bewusst ignoriert und damit auch der Eindruck erweckt, die ursprüngliche These sei widerlegt worden.

Beispiel:

A: “Der Klimawandel wird zu einem Ansteigen des Meeresspiegels führen.”
B: “Wenn ein Eisberg schmilzt, nimmt das Schmelzwasser genau so viel Platz ein, wie der Eisberg vorher verdrängt hat.
Daher wird durch ein Abschmelzen der Eisberge der Meeresspiegel nicht steigen.”

scheinbare Analogien
Hier werden Vergleiche zur gegnerischen These angeführt, die sich leicht widerlegen lassen. Auch hier wird also nicht mit dem eigentlichen Gegner, sondern mit dem Strohmann diskutiert, dessen fiktive Argumente widerlegt werden.

Beispiel:

A: “Wir sollten mehr Geld in Bildung investieren.”
B: “In der heutigen Zeit sollte man auf keinen Fall die Militärausgaben kürzen, das wäre leichtsinnig!”

fragwürdige Ansichten
Es wird anstelle des gegnerischen Arguments eine Person angegriffen, die angeblich typisch für die vorgebrachte These ist. Dieser fiktive und wehrlose Gegner wird dann entsprechend beschrieben, widerlegt und damit instrumentalisiert.

Beispiel:

A: “Ich setze mich für den Tierschutz ein.”
B: “Aha, du bist also einer dieser Fanatiker, die uns alle zu Zwangsveganern machen und Mückensprays verbieten wollen?”

Gern und oft verwendet

Der Strohmann ist eine der am einfachsten zu verwendenden Taktiken, um eine Diskussion aus der Spur zu bringen, sogenanntes “Derailing” zu betreiben. Man kann damit mühelos seinen Gegner dem Spott preisgeben, lächerlich machen oder scheinbar radikalisieren. Da der Strohmann ein fiktiver Diskussionsgegner ist, der sich in der Diskussion nicht wehren kann, lassen sich die zu verwendenden Argumente fast beliebig auswählen oder sogar frei erfinden. Es kommt bei dieser Taktik darauf an, den Gegenüber gefühlt derart argumentatorisch “an die Wand zu nageln”, dass dieser augenscheinlich keinen sinnvollen Zug in der Diskussion mehr tun kann, der die Lage verbessert.

Was tun?

Das Kontern eines Strohmanns ist eigentlich relativ einfach. Der Erfolg dieses logischen Fehlschlusses beruht darauf, das man ihn in den meisten Fällen nicht erkennt. Denn verteidigt man die Strohmann-Argumente, bestätigt man ungewollt die Darstellung des Gegenübers. Erkennt man die vorgebliche Kritik an, kann einem vorgeworfen werden, man hätte seine Meinung geändert, was dann zu einem weiteren Fehlschluss, dem sogenannten “falschen Dilemma” führt.

Als erstes und wichtigstes Statement um einen Strohmann zu kontern muss daher der Hinweis auf eben diese Fehlschluss sein, man muss die falsche Argumentation aufzeigen und sich von den Scheinargumenten distanzieren. Das klingt jetzt alles sehr kompliziert und theoretisch, ist aber eigentlich recht leicht. Beispielsweise: “Das habe ich überhaupt nicht behauptet, du verdrehst meine Aussage komplett.” Oder: “Was du da zitierst, hat mit meiner Aussage überhaupt nichts zu tun.” Man muss überhaupt nicht namentlich auf den Strohmann-Fehlschluss zu sprechen kommen, wichtig ist nur, dass auf die angebrachten Gegenargumente gegen den Strohmann nicht weiter eingegangen wird. Der Versuch, die Diskussion auf einen Nebenschauplatz oder in andere argumentatorische Sphären zu entführen, muss im Ansatz scheitern. “Dass ich sonnige Tage mag, heißt doch nicht, dass es nie mehr regnen soll. Wer so etwas fordert, ist doch nicht ganz bei Trost” – hierbei wird sich auch emotional von der unterstellten Scheinposition distanziert, um das erste Beispiel nochmal zu bemühen.

Wer ein Argument der Gegenseite widerlegen will, muss dieses auch verstehen. Wer dieses nicht verstehen kann oder will, aber trotzdem in der Diskussion vermeintlich punkten möchte, greift zu einem Strohmann-Argument. Dies passiert sehr häufig, und je mehr wir alle darauf achten, desto konstruktiver und fruchtvoller werden unsere Debatten, da kein Aufwand mehr mit Pseudoargumenten und Phantomdiskussionen betrieben wird und man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

 

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