Taktiken der Solidarität (1): Zusammen weniger allein sein

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Es gibt diesen alten Spruch: Die kleinste Minderheit ist der/die Einzelne. Während Individualismus als Wert an sich nicht falsch ist (im Gegensatz zu der Ideologie „Du bist nichts – dein Volk ist alles”), kann es beim Finden von Bündnissen in der politischen Arbeit problematisch werden.

Natürlich gibt es rote Linien und Unvereinbarkeiten – diese sind sogar wichtig, wenn man keine Verwässerung humanistischer Werte riskieren will. Jedes Bündnis sollte sich darüber im Klaren sein und diese auch kommunizieren, sowohl untereinander als auch nach außen.

Allerdings ist es auch zielführend, sich über den Zweck des Bündnisses im Klaren zu sein, einen Minimalkonsens zu finden und zu beachten und dabei keine blinden Flecken zuzulassen. Auch, wenn man mit bestimmten Parteien Schwierigkeiten haben mag und ihre Politik in vielen Punkten abgelehnt: Möglicherweise sind sie als Bündnispartner*in akzeptabel, wenn es z.B. darum geht, zu einer anstehenden Landtagswahl möglichst viele Menschen auf die Straße zu bringen, die sich für Demokratie und Vielfalt aussprechen.

Was kann ich tun?

Die schlechte Nachricht ist: Man muss selber etwas tun.
Die gute Nachricht ist: Man kann selber etwas tun.
Und der Anfang ist immer: Verantwortung übernehmen.

Auf die Straße!
Je nach eigenen Ressourcen und den lokalen Gegebenheiten kann man auf verschiedenen Ebenen aktiv werden. Versammlungen und Demos anzumelden und durchzuführen ist machbar. Selbst ohne große Erfahrungen, auch für kleinere Gruppen.

Wer Veranstaltungen anmeldet, hat logischerweise mehr oder weniger intensiv mit Ordnungsamt und Polizei zu tun. Auch hier liegt viel Potenzial: Gibt es im Vorfeld gute Kooperationsgespräche auf Augenhöhe? Gibt es eine gute Zusammenarbeit in Bezug auf den Umgang mit Bedrohungen und Gefährdungslagen?

Wir haben die wichtigsten Punkte in “How to Demo” zusammengefasst.

„Lückenschluss“ gegen Nazis.
Wo du stehst, kann kein Nazi stehen. Nicht im Verein, nicht im Viertel! Nirgendwo.

Eine der erfolgreichsten Strategien rechter Raumnahme in den letzten Jahren besteht darin, Ämter und Funktionen zu besetzen, Angebote zu machen und sich unentbehrlich zu machen. Das gelingt aber nur dort, wo es niemanden sonst gibt und jede*r insgeheim froh ist, dass jemand anders den Kassenwart im Verein macht oder für die Elternvertretung kandidiert. Hier kann man bereits sehr niedrigschwellig aktiv werden, indem man diesem Raum besetzt.

Solidarität muss praktisch werden

Dort wo es stabile, funktionierende Netzwerke gibt, haben es rechtsextreme Akteur*innen wesentlich schwerer, Fuß zu fassen. Sowohl institutionell als auch individuell.

Das gilt für alle Ebenen. Angefangen bei der eigenen Nachbarschaft und im eigenen Stadtviertel. Gestiegene Lebenshaltungskosten, Vereinsamung und existenzielle Sorgen und Ängste werden ohnehin schon kaum, aber ohne Netzwerke immer weniger abgefangen.

Nicht jedes Engagement gegen Rechtspopulismus und Radikalisierung ist auf den ersten Blick als „politisch“ zu erkennen. Ein lokales Tausch-Netzwerk kann Menschen einbinden und materielle Not lindern. Nachhilfe für Auszubildende oder ein Café-Nachmittag für Senior*innen wirken Isolierung und dem Gefühl, abgehängt zu sein, entgegen.

Hilfe und Unterstützung bei der Umsetzung solcher Ideen findet man beispielsweise bei örtlichen Ehrenamtsagenturen, bei der Gemeinwesenarbeit/Quartiersmanagement oder Seniorenbüros.

Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen hilft übrigens auch, die eigenen Ohnmachtsgefühle zu überwinden. Auf dieser Ebene sind Erfolge und positive Erfahrungen direkt spürbar und die Selbstwirksamkeit trägt dazu bei, sich den Zuständen in der Welt nicht mehr nur ausgeliefert zu fühlen.

Gut, dass wir darüber gesprochen haben

Oft liest man in Kommentaren nach erdrutschartigen Wahlerfolgen rechter Parteien: „Aber die Mehrheit hat nicht XXX gewählt“.

Wenn das relevant sein soll, dann muss es spürbar sein. Und das bedeutet: Keinen rechten Mainstream entstehen lassen! Nicht im privaten Raum, wo man „um des lieben Friedens willen“ nichts sagt. Und nicht in der Politik. Gerade auf der kommunalen Ebene nehmen Anfeindungen und sogar justiziable Angriffe auf Aktive und Mandatsträger*innen zu. Oft mit der Folge, dass die Betroffenen aufgeben. Zum Rückzug führen dabei häufig nicht nur anhaltende Angriffe von rechts, sondern auch das Schweigen der Mehrheit.

Wenn z.B. euer Ortsvorsteher Ziel einer rechten Kampagne wird, nehmt das einfach mal zum Anlass, ihm eure Solidarität auszudrücken. Auch, wenn ihr seine Partei noch nie gewählt habt.

Das alternative Jugendzentrum wird immer wieder von Rechten angegriffen? Stellt euch dagegen, auch wenn die Partys euch manchmal zu laut sind. 

Solidarität muss allen Betroffenen von menschenfeindlichen Kampagnen gelten.

„Das betrifft mich nicht, und irgendwo kann man sie ja auch verstehen“ ist eine Haltung, die wir uns 2026 nicht mehr erlauben können. Wir müssen immer davon ausgehen, und sowohl die Geschichte wie auch die aktuellen Entwicklungen zeigen es, dass man schneller betroffen ist, als man meint. Und dann selbst auf Solidarität angewiesen ist. Die einen trifft es früher, die anderen später, aber Faschismus betrifft – wie es seine Ideologie verspricht – alle. Immer. Irgendwann.

Politiker*innen sind ansprechbar – sprecht sie an! Geht zu Anwohner*innenversammlungen, in Bürger*innensprechstunden und zu Informationsveranstaltungen. Stellt Fragen und kommuniziert eure Anliegen. Beispielsweise wenn es darum geht, ob und welche Veranstaltungen in städtischen Räumen stattfinden.

Gerade bei kontroversen Themen auf lokaler Ebene kann man schnell eine rechte Hegemonie vorfinden – ist das aber nun „echt“, oder sind es doch einfach nur Bots, die diesen Eindruck hervorrufen?

When they go low …

Auch wenn es manchmal in eine hitzigen Moment schneller gesagt ist, als man eigentlich will – es ist nie empfehlenswert, sich auf das gleiche Niveau herabzulassen. Aus ganz grundsätzlichen Gründen: Bodyshaming, Homophobie oder Misogynie sind nie akzeptabel, auch nicht, wenn es „die Richtigen“ trifft. Und es gibt Menschen, die nur auf eine entsprechende Äußerung warten, um eine Anzeige wegen Beleidigung zu initiieren.

Wenn man also in einem Wort sagen sollte, was gegen Nazis hilft, dann ist das: Solidarität.

Rechtspopulismus lebt von Spaltung und Vereinzelung. Gemeinwesen leben von Verantwortung und Zusammenhalt. So gut man kann und so viel man braucht.

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