Logische Fehlschlüsse: Kein echter Schotte

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Logische Fehlschlüsse begegnen uns täglich, besonders in kontroversen Diskussionen im Netz. Es sind Denkfehler, die Menschen entweder routinemäßig unterlaufen, etwa aus Unachtsamkeit, oder aber die gezielt in einer Argumentation eingesetzt werden, weil sie, wenn sie nicht erkannt werden, die eigene Position stärken.

Werden sie aber erkannt, verpufft die argumentatorische Wirkung und löst sich quasi in ein Logikwölkchen auf. Die Arten dieser Fehlschlüsse sind vielfältig und manche von ihnen so vielschichtig, dass ein gewisses Maß an Hintergrundwissen nötig ist, um sie zu enttarnen. Grund genug, uns in dieser Artikelreihe einmal näher mit ihnen zu befassen.

Eine kurze Zusammenfassung, über die Struktur einer Schlussfolgerung und welche Arten von Fehlschlüssen es gibt, findet ihr am Anfang des ersten Artikels der Reihe.

Kein echter Schotte

Antony Flew (1923-2010) war Mitglied des Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP), dem heutigen Committee for Skeptical Inquiry (CSI), einer Skeptikerorganisation.

Der Name dieser rhetorischen Form, die zu einem logischen Fehlschluss führt, geht auf den britischen Philosophen Antony Flew zurück, der diese in seinem Buch Thinking about Thinking (1975) als “No True Scotsman” beschrieb. Es wird alternativ auch als “Appeal To Purity”, Appell an die Reinheit bezeichnet.  Dabei wird einer bestimmten Gruppe eine Eigenschaft zu- oder abgesprochen, mit der sie gegen das argumentatorische Gegenbeispiel immunisiert wird. Das klingt mal wieder sehr theoretisch, ist aber eigentlich ganz anschaulich:

Behauptung: “Kein Schotte streut Zucker auf sein Porridge.”
Antwort: “Aber mein Onkel Hamish ist Schotte, und er streut Zucker auf sein Porridge.”

Widerlegung: “Kein echter Schotte streut Zucker auf sein Porridge.”

Mit dieser Taktik, die zu einem informalen Fehlschluss führt, ist es möglich, sich aus einem Argument herauszuwinden, indem man die Gruppe, auf die sich dieses Argument bezieht, neu definiert. Wenn man dabei dann noch darauf achtet, dass diese neue Gruppe schwer abzugrenzen ist, hat man sich quasi einen Freifahrtschein ausgestellt: Jedes Gegenbeispiel kann damit gekontert werden, dass XY ja kein echter oder wahrer Vertreter dieser Gruppe sei. Weitergedacht: Dass XY ein wahrer Vertreter ist, müsse erst bewiesen werden (was wegen der schwammigen Definition ja schwierig ist), und mit dem gekonterten Argument liegt schon das erste (Pseudo-)Argument auf dem Tisch, dass dem wahrscheinlich nicht so ist.

Überall in der Gesellschaft

Konkret finden wir die unechten Schotten natürlich nicht in Diskussionen über das Frühstück, obwohl es im Alltag garantiert auch schon einmal im Zusammenhang mit gekochten Eiern aufgetreten sein mag. Scherz beiseite: Wenn man genau hinsieht, findet man diese Taktik in vielen Diskussionen, und wenn man sich deren Verlauf ansieht, seien es Kommentarspalten, Podiumsdiskussionen, Meinungsartikel oder politische Reden, dann geht die Rechnung erschreckend oft auf: Eine Diskussion wurde erfolgreich entgleist, “derailed”, verunsachlicht.

Beispiele aus der Politik finden wir oft in populistischen Kreisen. Oft wurde im Schatten der Ereignisse der Capitol-Erstürmung am 6. Januar 2021 argumentiert, dass “kein echter Trump-Anhänger Gewalt befürworten würde”. “Kein echter Querdenker marschiert mit Nazis.” – “Kein wahres Mitglied unserer Partei würde diesen Punkt vertreten.” – man sieht, die Beispiele sind alleine in der Politik vielfältig.

Aber immer wenn es um eine Gruppe geht, der etwas unterstellt wird, kann dieses Argument greifen, besonders wenn es um Glauben geht. In der Religion findet das Schotten-Argument oft Verwendung, um sich von Extremismus abzugrenzen. Kein wahrer Vertreter der betroffenen Religion würde beispielsweise Terror oder Gewalt gutheißen. Mit diesem schwer zu konternden Totschlagargument wird eine sinnvolle Diskussion um den (meist viel komplexeren) wahren Sachverhalt umgangen. Die Taktik führt also zu einer Vereinfachung und erschwert gleichzeitig das Anknüpfen an dieses Argument, da die neue Gruppendefinition, “wahre Anhänger der Religion”, sehr schwammig und nicht eindeutig greifbar ist. In den USA distanzieren sich moderate Christen und evangelikale Extremisten gegenseitig voneinander, indem sie von der jeweils anderen Gruppe behaupten, keine “wahren Christen” zu sein – eine argumentatorische Patt-Situation. Ähnliche Argumentationssituationen finden sich in diversen anderen Religionen oder gesellschaftlichen Gruppierungen.

Sekten grenzen sich durch die Eigenschaft eines “wahren Vertreters” vom Rest der Gesellschaft ab, stellen sich selbst als ideale Form der Gesellschaft dar und erheben sich damit in die argumentatorische Situation, alle Andersdenkenden und -glaubenden als eben “keine wahren Schotten” zu bezeichnen. Da die Einflüsse, die einen gläubigen Menschen definieren, nicht faktisch messbar sind, verendet auch so jedes Argument in einer unbeantwortbaren Glaubensfrage mit einem scheinbaren Gewinn der vorgeblichen “wahren Vertreter”.

Schottenvariationen

Tweet von Greta Thunberg aus dem Jahre 2019. Plastikverpackung als Aufhänger für einen “Appeal To Purity”.

Aber auch in vielen anderen Situationen begegnen uns “Schotten”. Etwas abgewandelt kann man die Taktik auch nutzen, um eine Person anzugreifen und zu diskreditieren. Ein anschauliches Beispiel ist Greta Thunberg, bzw. die Argumente, die auf einem Bild aufbauen, das sie am 22. Januar 2019 auf Twitter gepostet hat. Das mit “Lunch in Denmark” betitelte Foto zeigt sie an einem Zugtisch mit diversen Lebensmitteln, einige davon in Plastik verpackt. Genau diese Plastikverpackungen wurden wurden zum Aufhänger für ein Scotsman-Argument: Greta Thunberg könne keine ernsthafte Klima-Aktivistin sein, wenn sie Lebensmitteln mit umweltschädlichen und letztendlich den Klimawandel fördernden Materialien konsumiere.

In dieser Situation passt die alternative Bezeichnung “Appeal To Purity” besonders gut. Die Konstruktion einer vermeintlichen Scheinheiligkeit durch die Verwendung von Plastik wird als Basis verwendet, zu behaupten, dass man sich in der Rolle einer Klima-Aktivistin stets vorbildlich zu verhalten habe. Dass die Umstände des realen Lebens dies nicht immer zulassen, wenn man über 20 Stunden mit der Bahn in Europa unterwegs ist, wird vollkommen ignoriert, genauso wie die Absurdität der Behauptung selbst, die sich bei genauerer Betrachtung zeigt.

Ein gleiches Muster zeigte sich auch in der Diskussion über die Atlantiküberquerung von Thunberg im November 2019. Die Bemühungen, eine klimaneutrale Überfahrt zu organisieren, resultierten in der Überfahrt mit der Yacht “Malizia” von Boris Herrmann. Dies wurde ignoriert und eine weitere Scheinheiligkeit in dem Argument gefunden, dass die Yacht-Überfahrt in insgesamt 6 Flügen der Beteiligten über den Atlantik resultieren würde, wenn man das gesamte Unterfangen betrachte. Davon abgesehen, dass die Behauptung nicht den Tatsachen entsprach, fand hier der gleiche Versuch statt, eine Person darüber zu diskreditieren, indem man ihr unvorbildliches und inkonsequentes Verhalten vorwirft.

Wenn man also genauer hinschaut, wird bei den Variationen des “No True Scotsman” oft auf den Denkfehler gebaut, dass eine Art Verpflichtung bestünde, sich auch zu 100% an die Positionen zu halten, die man selbst vertritt, selbst wenn es technisch und realistisch überhaupt nicht möglich ist, und dass jede noch so geringe Verfehlung der vertretenden Person jegliche Legitimation entzieht. Bei Greta Thunberg wurde mit dieser Taktik eine Diskussion über den menschengemachten Klimawandel vermieden, andere wichtige Themen umschifft man mit entsprechend angepassten (Schein-)Argumenten: Bilder von Politikertreffen aus Zeiten vor der Pandemie, werden als vermeintlicher Beleg dafür angeführt, dass diese Treffen angeblich zu Zeiten von Maskenpflicht auch noch genau so stattfinden. Im Trugschluss daraus: “Wenn die Politik sich selbst nicht an die eigenen Regeln hält, brauche ich das auch nicht.”

Was tun?

Wenn jemand die neue Gruppe mutwillig so definiert, dass er sie bewusst falsch darstellt, ähnelt die Argumentationsstruktur einem Strohmann-Argument. Wichtig ist daher auch hier, den Versuch des Derailings im Ansatz zu unterbinden: Man kann zum Beispiel auf einer genauen Definition bestehen. Die gegnerische Partei soll darlegen, was denn ihrer Auffassung nach ein “echter Schotte” sei. Dies führt, wenn wir an die obigen Beispiele denken, meist zu einem Problem, da sich diese Gruppen schwer definieren lassen. Man hat aber zumindest den “Ball zurückgespielt” und kann auf die (hoffentlich) folgende Erklärung weiter reagieren. Dass diese oft nicht kommen wird, ist ein anderes Thema, aber in dem Fall auch eine gute Gelegenheit das Argument mit logischen Rasiermessern abzuschneiden, bis weitere Fakten (Definition der Gruppe) auf dem Tisch liegen.

 

 

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