Poe’s Law

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Poe’s Law, dt.: Das Poe’sche Gesetz oder Poes Gesetz, ist eines dieser Internetphänomene, bei denen man sich wünscht, jemand hätte frühzeitig ein Warnschild aufgestellt: „Achtung! Satire und Realität verschwimmen ab diesem Punkt.“ Formuliert wurde es 2005 von Nathan Poe in einem Onlineforum zur Kreationismus-Debatte. Sein berühmter Satz lautete sinngemäß, dass es ohne ein deutliches Ironiesignal unmöglich sei, eine fundamentalistische Position so zu parodieren, dass sie nicht von irgendwem für echt gehalten werde. 

Was zunächst wie ein Insiderwitz aus Internetforen wirkt, beschreibt heute ein zentrales Strukturproblem digitaler Öffentlichkeit. Online-Kommunikation ist textlastig, fragmentiert und kontextarm. Ironie lebt jedoch vom Kontext: vom Tonfall, von Mimik, von gemeinsam geteiltem Vorwissen. All das fehlt in sozialen Medien. Kommunikationsforschende wie Danah Boyd beschreiben diesen Zustand als „context collapse“, also das Zusammenfallen unterschiedlicher Öffentlichkeiten, in denen dieselbe Botschaft völlig unterschiedlich gelesen wird. Poe’s Gesetz beschreibt genau den Punkt, an dem diese Kontextauflösung gefährlich wird: Wenn nicht mehr erkennbar ist, ob eine Aussage überzeichnet, ironisch oder vollkommen ernst gemeint ist.

Was hat das mit Verschwörungsideologien und Desinformation zu tun?

Verschwörungsdenken arbeitet systematisch mit Übertreibung, emotionaler Zuspitzung und der Behauptung, „offizielle“ Erklärungen seien bewusst lächerlich oder verharmlosend. “Sie” wollen doch nur, dass wir das glauben. Gleichzeitig nutzen verschwörungsideologische Akteur*innen gezielt ironische Brechungen, um ihre Inhalte anschlussfähig zu machen und sich gegen Kritik abzusichern. Mehr als eine Person hat bereits versucht, strafbare oder verfassungsfeindliche Inhalte durch einen Satire-Hinweis zu veröffentlichen. Die Forschung spricht hier von „plausible deniability“ (dt.: Glaubhafte Abstreitbarkeit): Aussagen können jederzeit als „nur Spaß“ oder „Satire“ zurückgezogen werden, obwohl sie von Teilen des Publikums ernst genommen werden. 

Während der COVID-19-Pandemie ließ sich diese Dynamik besonders deutlich beobachten. Empirische Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung zumindest teilweise an Corona-bezogene Verschwörungserzählungen glaubte. Eine groß angelegte Studie in der deutschsprachigen Allgemeinbevölkerung kam zu dem Ergebnis, dass etwa zehn Prozent der Befragten stark ausgeprägte Corona-Verschwörungsüberzeugungen aufwiesen, weitere rund zwanzig Prozent zeigten eine partielle Zustimmung. Gleichzeitig fanden die Autor*innen einen Zusammenhang zwischen diesen Überzeugungen und kognitiven Verzerrungen wie vorschnellem Schlussfolgern und Misstrauen gegenüber offiziellen Informationen.

In genau diesem Klima entfaltet Poes Gesetz seine ganze Wirkung. Aussagen wie „PCR-Tests durchbrechen die Blut-Hirn-Schranke“, „Impfungen machen dich magnetisch“ oder „der Staat plant geheime Quarantänelager“ waren so absurd formuliert, dass Außenstehende sie häufig für Satire hielten. Gleichzeitig wurden sie in Telegram-Kanälen, Facebook-Gruppen und WhatsApp-Chats als ernsthafte Warnungen verbreitet. Eine linguistische Analyse deutschsprachiger Telegram-Kanäle identifizierte während der Pandemie zahlreiche solcher Narrative, die zwischen Ironie, Zynismus und echtem Verschwörungsglauben schwankten. Die Grenze zwischen „das meint doch niemand ernst“ und „das glauben erstaunlich viele“ war faktisch nicht mehr zu ziehen.

Satirische Inhalte, Memes oder ironische Kommentare wurden in verschwörungsideologischen Milieus als authentische Regierungspläne interpretiert. In Krisensituationen nimmt die Fähigkeit zur sicheren Ironieerkennung ab, während gleichzeitig die Bereitschaft steigt, bedrohliche Informationen ernst zu nehmen, wenn sie in bestehende Weltbilder passen. Ironie wird dann nicht als Stilmittel erkannt, sondern als verschleierte Fakten gelesen.

Poes Gesetz ist also kein (zumindest nicht nur) harmloser Internetspaß, sondern vielmehr ein Verstärker von Desinformation. Es erklärt jedoch, warum extremistische oder verschwörungsideologische Aussagen oft zunächst belächelt werden und sich dann trotzdem massiv verbreiten. Wenn alles auch „nur Ironie“ sein könnte, verlieren Fakten an Bodenhaftung. Genau diese Unschärfe wird von rechtsextremen und verschwörungsideologischen Akteur*innen strategisch genutzt.

Die Büchse der Pandora

Mehr als kontraproduktiv sind hier TV-Formate, wie das kürzlich an den Start gegangene “Fake News – alles erstunken und erlogen” (Pro7), das sich in erklärter Weise zur Aufgabe gemacht hat, Fake News zu produzieren (!). Auch wenn die “News” noch so satirisch eingekleidet sind, der Inhalt noch so abstrus und der Kontext einer absichtlichen Fake-News-Darstellung allgegenwärtig ist, landen die u.a. KI-generierten Clips aus diesem Format über kurz oder lang in anderen sozialen Medien, wie TikTok oder Telegram, wo dann der Kontext nicht mehr ersichtlich ist. Und sie werden dann mit Sicherheit bei manchen Personen auf Gehör treffen, bzw. für bare Münze genommen werden.

Für politische Bildung und Medienbildung ergibt sich daraus eine unbequeme Aufgabe. Es reicht nicht, falsche Inhalte zu widerlegen. Es muss auch vermittelt werden, wie Ironie, Übertreibung und bewusste Mehrdeutigkeit als Werkzeuge der Desinformation funktionieren. 

Poes Gesetz erinnert uns auf unangenehm präzise Weise daran, dass das Internet keinen Humorfilter hat und, dass Desinformation genau davon lebt.

Do's und Don'ts

Do:
Lernende systematisch dafür zu sensibilisieren, dass Absurdität kein Beweis für Harmlosigkeit ist, dass Kontext immer rekonstruiert werden muss, und dass gerade in Krisenzeiten zweideutige Inhalte besonders kritisch geprüft werden sollten. 

Don’t:
Ironisch codierte Aussagen vorschnell als Witz abzutun, verschwörungsideologische Narrative wegen ihrer Lächerlichkeit zu unterschätzen oder selbst Inhalte weiterzuverbreiten, deren Ernsthaftigkeit nicht klar einzuordnen ist.

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