Das Kassandra-Syndrom
Das sogenannte Kassandra-Syndrom beschreibt das Versagen von Gesellschaften im Umgang mit Warnungen und wird als eine Metapher für strukturelle Krisenblindheit, Machtasymmetrien und kollektive Verdrängung verwendet. Es bezeichnet den Moment, in dem das nötige Wissen vorhanden und ein Eingreifen noch möglich ist, ein direktes Handeln aber blockiert wird.
Was ist das Kassandra-Syndrom?
Der Begriff selbst geht auf die Figur der Kassandra aus der griechischen Mythologie zurück, deren Prophezeiungen zwar zutreffend waren, der jedoch niemand glaubte, weil ihre Vorhersagen unbequem, beängstigend oder schlicht bei den Empfänger*innen unerwünscht waren. Auf unser tägliches Leben und Weltgeschehen übertragen bedeutet das, dass je fundamentaler eine Warnung bestehende Machtverhältnisse, Identitäten oder ökonomische Interessen bedroht, sie umso wahrscheinlicher delegitimiert oder verdrängt wird. Mit Studien und Daten belegbare Warnungen werden ausgesprochen, stoßen aber auf Abwehr, Spott oder Ignoranz, bis der Schaden eingetreten ist. Ausbleibende Reaktionen gehen selten auf fehlendes Wissen zurück, sondern eher auf politische Blockaden und institutionelle Trägheit.
Das Kassandra-Syndrom in der Vergangenheit
Ein kurzer Blick auf Ereignisse der letzten hundert Jahre zeigt uns gleich mehrere drastische Beispiele, in denen eine Gesellschaft versagt hat, Warnungen rechtzeitig ernst zu nehmen.
- Der Aufstieg der Nationalsozialisten
In der Weimarer Republik existierten bereits sehr früh belastbare Analysen über die Radikalisierung der NSDAP, ihre Gewaltbereitschaft und ihre antidemokratische Agenda. Politik, Wirtschaft und breite Teile der Gesellschaft betrachteten die NS-Bewegung viel zu lange als „vorübergehendes Phänomen“ oder als kontrollierbar, obwohl ihre Programmatik offen antidemokratisch war. Der Journalist und Publizist Carl von Ossietzky, machte in der Wochenzeitschrift Weltbühne wiederholt auf demokratiefeindliche Strukturen, antidemokratische Tendenzen und Rechtsungleichheiten im Justizsystem der Republik aufmerksam. Von Ossietzky analysierte bereits in den 1920er-Jahren, dass die Justiz und Teile der Gesellschaft den demokratischen Konsens nicht ernsthaft stützen würden. Er reagierte außerdem höchst kritisch auf die systematische Straffreiheit für rechte Gewalt.
Auch internationale Beobachter*innen warnten schon früh vor Hitler, wie etwa die US-Journalistin Dorothy Thompson, die ihn 1931 als existenzielle Gefahr für Europa beschrieb. Der Historiker Ian Kershaw dokumentiert in seinem Buch “Wendepunkte”, dass diese Warnungen zwar politisch wohl bekannt waren, aber aus machtpolitischem Kalkül ignoriert wurden. Ein Mechanismus, der von der berühmten Autorin Hannah Arendt in ihrem Werk “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” als bewusste Verdrängung unbequemer Realität zugunsten von vermeintlicher Stabilität beschrieben wird. Texte von Arendt könnt ihr bei der TU Dresden in Gänze lesen.
- Der Völkermord in Ruanda
Ein weiteres drastisches Beispiel ist der Völkermord in Ruanda 1994. Interne UN-Dokumente belegten bereits Monate zuvor konkrete Hinweise auf geplante Massaker wie z.B. geheime Waffenlager und Todeslisten. Neben UN-Warnungen gab es Bewertungen, wonach die militärische und paramilitärische Vorbereitung vieler Hutu-Milizen schon Monate vorher sichtbar war, einschließlich einer starken Rhetorik in der Propaganda, die gezielt zur Gewaltanwendung gegen Tutsi aufrief. Diese Warnungen wurden jedoch politisch nicht ernst genommen, bis es zu spät war. Der offizielle Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen spricht explizit von einem kollektiven Versagen, auf bekannte Risiken zu reagieren.
- Die Finanzkrise 2008
Die globale Finanzkrise 2008 war ebenfalls keine Überraschung, auch wenn sie viele von uns überraschend getroffen hat. Ökonom*innen wie der Kanadier William White und die Finanzaufsichtsbehörden warnten bereits jahrelang vor systemischen Risiken durch Deregulierung und spekulative Finanzprodukte. Insbesondere wurde vor der ineffizienten Art der Marktregulierung, einer übermäßigen Kreditvergabe und dem Überschuss an spekulativen Finanzprodukten gewarnt. White äußerte seine Bedenken schon lange vor der Krise, etwa gegenüber Alan Greenspan und anderen Entscheidungstragenden, wurde aber politisch kaum gehört. Die extra zu diesem Zweck gegründete „Financial Crisis Inquiry Commission“ (aktiv von 2007-2010) kommt zu dem klaren Schluss (FCIC Report 2011), dass die Krise vermeidbar gewesen wäre, wären diese Warnungen frühzeitig ernst genommen worden.
- Die Klimakrise
Ähnlich verhält es sich auch mit der Klimakrise. Seit den 1980er-Jahren bereits dokumentiert der Weltklimarat IPCC mit wachsender Evidenz die Folgen der globalen Erwärmung. James Hansen sagte 1988 vor dem US-Kongress die globale Erwärmung korrekt voraus, doch politische Konsequenzen blieben aus. Damals wie heute werden Maßnahmen systematisch verzögert. Die sechste Sachstandsberichtsrunde des IPCC zeigt, dass die zentralen Risiken seit Jahrzehnten bekannt sind. Doch das Ignorieren dieser Warnungen folgt nahezu immer denselben Mustern: kurzfristige Bequemlichkeit und ökonomische Interessen verdrängen langfristige Gefahren. Oftmals unterstützt durch gezielte Desinformation von Lobbygruppen.
- Die Corona-Pandemie
Während Covid-19-Pandemie sahen wir, wie frühe Warnungen ignoriert wurden und stattdessen Desinformation über u.a. Impfstoffe verbreitet wurde, was nachweislich zu höheren Todeszahlen führte.
Warum ist das Kassandra-Syndrom gefährlich?
Menschen neigen dazu, Informationen abzulehnen, die ihr Weltbild oder ihre soziale Position bedrohen, selbst wenn diese Informationen korrekt sind. Frühwarnungen werden oft so lange ignoriert, bis der Schaden angerichtet ist. Bis Kipppunkte fallen, bis Anschläge verübt werden oder extreme Entwicklungen sichtbar werden, etwa durch Radikalisierung, Enthemmung der Sprache und Opfer-Narrative.
In Zeiten multipler Krisen entsteht in großen Teilen der Gesellschaft oft eine starke Verunsicherung. Solche Verunsicherung bildet einen fruchtbaren Nährboden für autoritäre Ideologien, Normalisierung von Gewalt, Verschwörungsglauben und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die Versprechen von starker Führung, einfachen Lösungen und Feindbildern finden Resonanz in der breiten Masse verunsicherter und wütender Menschen. Verstärkt durch Desinformation, die Warnende als „Panikmacher*innen“ oder „Systemfeinde“ darstellt. Autoritäre Akteur*innen sind besonders dort erfolgreich, wo demokratische Institutionen frühe Warnzeichen, etwa Angriffe auf Medienfreiheit, Justiz und Grundrechte, verharmlosen.
Dabei verläuft demokratische Erosion nie ad hoc, sondern meist schleichend. Faschismusforscher Timothy Snyder zeigt in seinem Buch “Über Tyrannei” anhand von Beispielen, dass Demokratien i.d.R. nicht an Unwissen scheiterten, sondern an Unwillen und der systematischen Verharmlosung klarer Warnsignale. Die Menschenrechtsorganisation “Freedom House” aus den Vereinigten Staaten dokumentiert seit Jahren einen globalen Demokratieabbau, der zwar immer frühzeitig bekannt und benannt wurde, aber politisch oft folgenlos blieb. Und die Wissenschaftshistorikerinnen Naomi Oreskes und Erik Conway belegen in ihrer Publikation, wie u.a. gezielte Desinformationskampagnen fossiler Industrien dazu beitragen, Warnungen vor dem menschengemachten Klimawandel zu diskreditieren.
Rechtzeitiges Handeln ist hier absolut entscheidend, weil auch unsere gesellschaftlichen und ökologischen Krisen Kipppunkte besitzen. Wird eine bestimmte Schwelle überschritten, verlieren demokratische Institutionen, soziale Strukturen oder ökologische Systeme ihre Stabilität, was die Handlungsspielräume aller drastisch reduziert.
Do’s und Don’ts
- Stärke das Bewusstsein deines Umfelds dafür, dass Warnungen und Frühsignale bewusst und systematisch ausgeblendet werden können. Insbesondere in Krisenlagen.
- Unterstütze NGOs, Parteien und Strukturen mit Transparenz, Teilhabe und Öffentlichkeit, damit warnende Stimmen auch gehört und nicht von Desinformator*innen diffamiert werden.
- Stelle Information mit Mehrwert bereit: Reine Datenbereitstellung ist nicht immer hilfreich. Viel wichtiger ist deren korrekte Einordnung, sowie Kommunikation, Haltung und Handlung.
- Wenn du unterrichtest: Thematisiere wie autoritäre oder faschistische Strömungen genau von solchen blinden Stellen profitieren können, etwa indem sie das Gefühl von Ausgeliefertsein oder Ignoriertwerden instrumentalisieren.
- Vermeide es, überall ein Kassandra-Syndrom zu sehen. Nicht jede unbeachtete Warnung ist automatisch ein „Kassandra-Fall“, und nicht jede Kritik ist berechtigt oder konstruktiv. Schärfe dein kritisches Denken.
- Vermeide es, in Fatalismus zu verfallen. Es geht beim Kassandra-Syndrom nicht darum, einfach nur das Opfer von übermächtigen Strukturen zu sein, sondern unsere Handlungsmöglichkeiten in der jeweiligen Situation sichtbar zu machen.
- Vergiss nicht, dass das Konzept direkt mit demokratischer Teilhabe und offener Gesellschaft zu tun hat. In geschlossenen, autoritären Strukturen wird die Kassandra-Dynamik noch verschärft.
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