Politisches Gaslighting
Wenn Regierungen trotz klarer Beweise an Lügen festhalten, sprechen Psychologie und Politikwissenschaft von politischem oder institutionellem Gaslighting. Der Begriff Gaslighting geht ursprünglich auf das Theaterstück “Gas Light” (1938) von Patrick Hamilton zurück und beschreibt ursprünglich eine zwischenmenschliche Manipulationsform, bei der einer Person systematisch eingeredet wird, ihre Wahrnehmung sei falsch. Auf gesellschaftlicher Ebene funktioniert das ähnlich: Menschen sehen etwas, hören etwas, erleben etwas, und bekommen von Autoritäten immer wieder gesagt, das sei nicht passiert oder völlig anders gewesen.
Anders als bei unbeabsichtigten Fehlern handelt es sich hier um strategisch eingesetzte Falschinformationen, die gezielt politische Wirkungen erzeugen sollen. Politisches Gaslighting kann als eine Unterkategorie oder Technik der Desinformation verstanden werden, weil es nicht nur einzelne falsche Aussagen streut, sondern eine kollektive Realitätswahrnehmung in Frage stellt, damit Vertrauen in Institutionen und Fakten untergräbt und oppositionelle Stimmen delegitimiert.
Solche Situationen erzeugen großen Stress. Unser Gehirn ist darauf angewiesen, dass Wahrnehmung und soziale Bestätigung halbwegs zusammenpassen. Wenn beides auseinanderfällt, entsteht eine kognitive Dissonanz: ein schmerzhafter innerer Zustand, den Menschen auf unterschiedliche Weise aufzulösen versuchen. Einige ziehen sich zurück und zweifeln an sich selbst. Andere klammern sich umso stärker an die sichtbare Realität. Wieder andere geben irgendwann auf und sagen innerlich: „Wenn selbst die offensichtliche Realität nichts mehr bedeutet, bringt kritisches Denken auch nichts mehr.“ Menschen verlieren nicht nur Vertrauen in Institutionen, sondern auch in ihre eigene Wahrnehmung. Ein fruchtbarer Nährboden für Apathie, Radikalisierung oder blinden Zynismus.
Beispiele für politisches Gaslighting
Manipulierte Dokumente sind der Klassiker staatlich orchestrierter Desinformation. Eine, die nicht nur einzelne Fakten verfälscht, sondern ganze historische Interpretationen ändern kann. Ein frühes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg sind die “Sisson Dokumente” von 1918. Dabei handelt es sich um eine Serie gefälschter russischer Geheimdienstunterlagen, die im amerikanischen Komitee für Informationspolitik verbreitet wurden, um eine angebliche deutsch-bolschewistische Verschwörung zu belegen. Diese Dokumente dienten dazu, die öffentliche Meinung in den USA gegen Russland und den Bolschewismus zu mobilisieren, obwohl ihre Authentizität selbst damals schon stark umstritten war und 1956 als Fälschung entlarvt wurde.
In den Jahrzehnten danach wurde Propaganda zur zentralen Waffe totalitärer Regime. In der NS-Diktatur gehörte es zur etablierten Methodik, offensichtliche Tatsachen zu leugnen, Schuld umzudeuten und Gewalt sprachlich zu normalisieren. Das Regime nutzte systematisch Propaganda, um seine antisemitischen und rassistischen Ideologien zu verbreiten, den Krieg zu legitimieren und die eigene Bevölkerung in einem permanenten Zustand emotionaler Hetze zu halten. Diese mediale und rhetorische Konstruktion des „Feindbildes“ war dabei nicht nur Informationspolitik, sondern Teil eines umfassenden Machtapparats.
Victor Klemperer beschrieb in seinen Tagebüchern eindrücklich, wie Sprache selbst zur Waffe wurde. Begriffe wurden verschoben, wiederholt, entleert und irgendwann begannen die Menschen nicht nur anders zu sprechen, sondern auch anders zu denken.
Und auch ein aktuelles tragisches Ereignis zeigt eindrücklich, was passiert, wenn politisches Gaslighting und Desinformation in einem realen sicherheits- und migrationspolitischen Konflikt aufeinandertreffen. Am 7. Januar 2026 wurde die 37-jährige Renee Nicole Good in Minneapolis von einem ICE-Agenten getötet, als sie sich in ihrem Fahrzeug befand und das Gebiet um Portland Avenue verlassen wollte. Bundesbehörden wie das US-Department of Homeland Security (DHS) behaupteten unmittelbar, sie habe versucht, mit ihrem Auto Bundeskräfte anzugreifen, und bezeichneten die Tötung der jungen Frau als gerechtfertigte Notwehr. Diese Darstellung wurde wiederholt in Pressekonferenzen und den Sozialen Medien von Regierungsvertrenden als „domestic terrorism“ etikettiert, obwohl von unabhängigen Videoaufnahmen und Zeug*innen berichtet wurde, dass Good eher versuchte wegzufahren, statt gezielt anzugreifen. Lokale Politiker*innen wie der Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey widersprechen dieser Darstellung vehement und nannten die bundesstaatliche Narrative irreführend und “bullshit”. Das FBI zog staatlichen Ermittler*innen den Zugriff auf Beweise vorübergehend zurück, wodurch lokale Autoritäten nur eingeschränkten Zugang zu Material hatten, das den Fall aufklären könnte. Frey, Gov. Walz und andere Offizielle warfen den Bundesbehörden vor, Fakten zu verzerren und Schuldzuweisungen politisch aufzuladen.
In dem fiktiven Roman 1984 von George Orwell wird dies insbesondere durch das sogenannte „Wahrheitsministerium“ übernommen, dessen Aufgabe es ist, Vergangenheit, Statistiken und Medien systematisch umzuschreiben, bis sie der jeweils aktuellen Parteilinie entsprechen (Orwell 1949). Die Wirklichkeit existiert dadurch nicht mehr als überprüfbare Realität, sondern nur noch als staatlich definierte Erzählung. Das “Wahrheitsministerium” steht hierbei exemplarisch für epistemisches (Anm.: ein Argument, das sich auf Wissen bezieht) Gaslighting: Menschen sollen nicht nur falsche Aussagen glauben, sondern ihre eigene Erinnerung und Wahrnehmung grundsätzlich infrage stellen.
Warum ist das gefährlich?
Eine solche Dynamik führt schlussendlich dazu, dass unterschiedliche Regierungs- und Bevölkerungsgruppen sich nicht mehr auf gemeinsame Tatsachen wie Rechtsverständnis und Gewaltenteilung verständigen können. Hier zeigt sich deutlich, wie durch verzerrte Darstellungen und dem Einsatz politischer Autorität Zweifel in der Bevölkerung erzeugt werden, die die demokratische Kontrolle institutioneller Gewalt erschweren.
Do's und Don'ts
- Leiste sachliche Gegenrede und argumentiere stets mit überprüfbaren Fakten aus vertrauenswürdigen Quellen, die öffentlich zugänglich sind, und stelle widersprüchliche Narrative gegenüber.
- Übernimm Narrative nicht einfach unkritisch, wenn diese eindeutig durch unabhängige Beweise widerlegt werden können. Und auch bitte sonst nicht.
- Setze dich für Medien- und Informationskompetenz ein, damit Menschen wieder ein Gespür dafür bekommen, zwischen unbeabsichtigten Fehlern und strategischer Desinformation zu unterscheiden.
- Reduziere komplexe Ereignisse nicht auf vereinfachte Schlagworte und verwende keine emotional aufgeheizte Rhetorik, die nur die Wahrnehmung verzerrt, anstatt zur Klärung beizutragen.
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