Krisenlagen und Verschwörungsglaube – ein Appell!

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Krisenlagen waren und sind immer ein Katalysator für Verschwörungserzählungen, sowie nationalistische und rechtspopulistische Inhalte. Das betrifft Pandemien genauso, wie politisches Säbelrasseln und drohende Kriegsszenarien. Beschleunigt durch Social Media erreichen die gezielten Desinformationen und Instrumentalisierungsversuche destruktiver Gruppen ein sehr breites Bevölkerungsspektrum. Angst und Unsicherheit sind ein fruchtbarer Nährboden für Falschmeldungen, extremistische Inhalte und Verschwörungserzählungen, bitte seid euch dessen stets bewusst. Es ist wichtig, seine eigenen Verletzlichkeiten zu kennen, um sich adäquat schützen zu können.
(Anm.: Dieser Kommentar erschien zuerst als Posting auf Facebook, und ist daher im Kontext von Social Media und Reaktionen zur Krise in der Ukraine im Februar 2022 zu lesen.)

Wir alle sind nicht frei von Zorn über das was geschieht und/oder der Angst vor dem, was vielleicht noch kommt. Viele von uns (euch, ich lese es in euren Postings) haben Sorge vor einem drohenden Kriegsszenario, zittern mit Freunden und Bekannten aus den betroffenen Gebieten – oder fürchten eine Erweiterung der Kriegshandlungen in den direkten Raum der EU. Ich sehe euch, ich fühle euch.

Diese Emotionen können uns lähmen und uns das Gefühl des totalen Kontrollverlustes geben. Es kann uns den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen der Existenzsicherheit wegziehen. Gerade jetzt, wo wir alle so langsam durch die Pandemiejahre und seine Folgen geschwächt und ausgelaugt sind. Und da wir in dieser emotionalen Lage sehr oft eben auch verletzlich oder empfänglich für reaktionäre Verhaltensweisen sind, müssen wir gut bedacht sein, nicht den verkürzten Argumenten der Verschwörungserzähler Glauben zu schenken. Ich sehe in meiner beruflichen Praxis häufig, dass es betroffenen Personen ein trügerisches Gefühl der Kontrolle (Abwehr des Kontrollverlustes) gibt, einen übergeordneten Feind auszumachen, der Schuld an “der Lage” ist. Oder sich einer Bewegung anzuschließen, um “etwas tun zu können”.

Denn auch unser eigenes Gerechtigkeitsempfinden kann uns hier leider zu einer Stolperfalle werden. Das, was gerade in der Ukraine passiert, macht wütend.
Wie auch in der ersten sogenannten “Ukraine-Krise” 2014, als sich auf unseren Straßen die erste Querfront formierte, werden auch jetzt nationalistische und verschwörungsideologische Gruppierungen unter dem Deckmäntelchen der Friedensbewegung aufstehen, und sich sowohl die Angst als auch das Gerechtigkeitsempfinden und den Friedenswunsch der Menschen zu Nutze machen.

Doch, nur weil nicht Querdenken drauf steht, heißt es nicht, dass kein Schwurbel und verfassungsfeindliches Gedankengut drin ist. Querdenken ist nicht das neue Synonym für “verschwörungsgläubig”, bitte macht diesen gedanklichen Fehler nicht. Das, was wir während der Pandemie als Querdenken kennenlernten, ist “nur” der aktuelle Schritt einer fortwährenden Entwicklung einer Demonstrationsbewegung, die schon lange vor der Pandemie ihren Ursprung hatte (sich auch erst im Internet bildete und dann auf den Straßen formierte). Die den evolutionären Prozess über z.B. PEGIDA ging und die diesen Prozess auch nach der Pandemie fortführen wird. Und in der heute die gleichen Player mitspielen wie damals.

Deswegen jetzt mein Appell an euch:

  • Es wird Demonstrationsangebot für “den Frieden” geben. Bitte prüft sorgfältig, wer diese Demonstrationen anmeldet und welche Inhalte dort verbreitet werden. Macht euch schlau in Sachen “rechter Codesprache” oder “antisemitischer Codesprache”. Es ist wichtig, die Töne dieser Hundepfeifenpolitik zu kennen, um nicht auf ihre rhetorischen Taktiken hereinzufallen. Viel zu oft wird von den Playern der Szenen unter dem Vorwand des Diskurses und Miteinanders ein Weg auf Bühnen gesucht. Wir haben im Facts Project einen Artikel zu rhetorischen Taktiken des Populismus.
  • Wenn ihr selbst Demonstrationen anmeldet (und das gilt grundsätzlich), bitte macht euch ebenso schlau in der Codesprache und im Netzwerk, um zu vermeiden, dass eure Demonstrationen unterwandert werden. Schließt Bündnisse mit anderen seriösen Demonstrationsangeboten. Stellt Personen mit Ordnerfunktion an relevanten Positionen ab, haltet euch an die Auflagen der Behörden und stellt das Orga-Team der Einsatzleitung vor Ort vor. Wenn ihr rechte oder verschwörungsideologische Elemente in eurer Demonstration seht und sie nicht zulassen möchtet (wovon ich ausgehe!), bitte wendet euch in diesem Fall an die begleitenden Polizeikräfte. Unterbindet, dass verschwörungsideologisches oder demokratiefeindliches Gedankengut seinen Weg auf eure Bühnen findet.
  • Falschmeldungen verbreiten sich in Krisenlagen wie Lauffeuer. Prüft Meldungen daher bitte auch immer auf ihre Quellen hin und teilt sie nicht (!) weiter, wenn sie nicht gesichert erscheinen. Gerade vermeintliche Augenzeugenberichte, -videos und -bilder. Oftmals werden Inhalte von früheren Begebenheiten genutzt, um sie als Propagandamittel neu zu verbreiten. Bilder und Videos lassen sich mit einfachen Tools sogar oftmals bis zur ersten Veröffentlichung zurückverfolgen. Nutzt diese bitte im Zweifelsfall.

Ein Großteil der Falschinformationen im Internet kann allein dadurch schon eingedämmt werden, indem wir Inhalte auf ihre Qualität und Quellen hin prüfen, bevor wir sie weiterteilen. Oder im Zweifel lieber erstmal gar nicht teilen.

Jede Menge Tipps zum Faktenchecken findet ihr unter “The Facts Project”.

Bleibt besonnen!

Giulia Silberberger
Founder/CEO von Der goldene Aluhut