Grundlagen: Medizin hat keine Alternative

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Alternativmedizin ist ein gebräuchliches Schlagwort. Es suggeriert, dass es zu der – dann oftmals als hart oder aggressiv dargestellten – etablierten, evidenzbasierten Medizin eine sanfte, oft als “natürlich” und “ganzheitlich” beschriebene Alternative gäbe, die besser wirke. Von dieser eigentlich im ersten Moment ganz logisch klingenden Argumentation ist allerdings der Weg zu einem weitergehenden Schluss, dass nämlich die etablierte, evidenzbasierte Medizin eher schaden würde, und dies auch von “der Pharmaindustrie” so gewollt sei, nicht all zu weit. Und da befinden wir uns schon inmitten von verschwörungsideologischem Gedankengut, wo eine ganze Menge mehr dahinter steckt, als nur eine bloße Kritik an der Medizin und Pharmaindustrie. Grund genug, einmal genauer hinzusehen, was Medizin und “Alternativmedizin” eigentlich sind und was “natürlich” und “ganzheitlich” eigentlich heißt. Und warum der oft gebraucht Begriff der “Schulmedizin” sehr problematisch ist.

Medizin und Wirkung

Wir erwarten in der heutigen Zeit, mit all dem Hintergrund der wissenschaftlichen Forschung in der Medizin, dass eingenommene Präparate auch wirken. Und das mit Recht. Aber wie wissen wir eigentlich, dass etwas wirkt? Was muss da nachgewiesen werden, und wie? Und müssen wir verstehen, wie etwas wirkt, um zu beurteilen, dass es wirkt? Und was ist mit dem Placebo-Effekt? Warum “wirkt” dieser, wenn es doch ein Placebo, ein Dummy-Präparat ist? Und was ist mit Alternativen? Gibt es überhaupt eine Alternative zur Medizin?

Es ist eine ganze Reihe von Fragen, die sich bei genauerer Überlegung zu dem Thema ergeben. Im Folgenden versuchen wir nun, dies alles möglichst kompakt und trotzdem detailgenau genug aufzuarbeiten. Beginnen wir mit einem Zitat:

Dara Ó Briain ist ein irischer Stand-up-Komiker, Fernsehmoderator und Autor. Er studierte in Dublin Mathematik und theoretische Physik und arbeitete einige Jahre als Moderator für den irischen Sender RTÉ, bevor er seine Karriere als Stand-up-Komiker begann, bei der gerne immer wieder eine Lanze für die Wissenschaft bricht.

“I’m sorry, ‘herbal medicine’, “Oh, herbal medicine’s been around for thousands of years!” Indeed it has, and then we tested it all, and the stuff that worked became ‘medicine’. And the rest of it is just a nice bowl of soup and some potpourri, so knock yourselves out.”

 

“Tut mir leid, ‘Kräutermedizin’, “Oh, Kräutermedizin gibt es schon seit Tausenden von Jahren!” In der Tat, und dann haben wir alles getestet, und das Zeug, das funktionierte, wurde ‘Medizin’. Und der Rest ist nur eine schöne Schüssel Suppe und etwas Potpourri, also schießt euch ruhig damit ab.”

 

– Dara Ó Briain, Irischer Comedian

Medizin ist ihrer Definition nach die Wissenschaft der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten oder Verletzungen bei Lebewesen. Es ist also primär eine Wissenschaft, und damit eine Lehre, die sich einem strengen und über Jahrhunderte hinweg als sinnvoll herausgebildeten wissenschaftlichen Standard fügen muss. “And then we tested it all” – es wird also aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen nach dem neuesten Stand der Forschung, dem aktuellen Stand der Medizin evaluiert.

Und dieser Punkt ist ganz entscheidend: Wenn man einem Präparat oder einer Behandlung eine Wirkung nachweisen kann, wenn es also der Erfolg unabhängig von anderen Faktoren reproduzierbar ist und sich vom Placebo-Effekt abhebt, dann wirkt diese und erfüllt damit den Standard, als Medizin bezeichnet zu werden. Dabei ist es ganz unerheblich, ob es sich um irgendwelche Kräuter, Pilze oder sonst irgendetwas direkt aus der Natur handelt, oder ob die Substanz künstlich hergestellt werden muss. Es ist auch egal, ob es “jahrhundertealtes Wissen” oder eine neue Therapie, entwickelt aus modernster Forschung ist.

Der Prüfstand der wissenschaftlichen Untersuchung schaut nicht auf die Herkunft, sondern auf das Ergebnis. Kann eine Behandlung ihre Wirkung nicht belegen, ist es keine Medizin.

Alles, was seine Wirkung (nicht unbedingt seine Wirkweise, dazu später mehr) belegen kann, ist Medizin. Eine wirksame Alternative kann es daher rein logisch auch nicht geben, denn wenn sie wirken würde, wäre es ja wieder Medizin. Medizin ist eine Naturwissenschaft wie Physik, Mathematik und Biologie (all dies sind sogar Teilbereiche im komplexen Themenfeld der medizinischen Wissenschaft). Es gibt keine “Alternativmathematik” oder “alternative Physik”, auch wenn es in der nationalsozialistischen Diktatur Bemühungen gab, eine “arische Physik” zu etablieren, die jedoch, was sicherlich einleuchtet, mit dem Untergang desselben endeten.

Das “Schulmedizin”-Problem

Der Begriff “Schulmedizin” ist weit verbreitet und wird meist verwendet, um im gleichen Atemzug irgendeine Art der “Alternativmedizin” als Gegensatz zu präsentieren. Wie die Überschrift dieses Absatzes schon vermuten lässt, ist dies jedoch aus gleich mehreren Gründen ein Problem:

Zum einen ist da die Herkunft dieses Begriffes, und da sind wir thematisch schon fast wieder bei der alternativen Physik des Dritten Reichs, auch wenn die Nazis zu ihrer Zeit diesen Begriff auch lediglich aufgegriffen und zusätzlich mit dem Adjektiv “verjudet” versehen hatten. Ursprünglich suchte Samuel Hahnemann, der auf seinen unwissenschaftlichen Vorstellungen von Krankheit basierend die Homöopathie entwickelt hat, seine Gegner damit zu diskreditieren. Als “Mediziner der Schule” bezeichnete er die Ärzteschaft seiner Zeit, zu deren Methoden er eine sanfte Alternative bieten wollte.

Seit seinen ersten Formen Anfang des 19. Jahrhundert diente der Begriff einzig und alleine der Diskreditierung von wissenschaftlicher, evidenzbasierter Medizin, später sogar zur antisemitischen Diffamierung von herausragenden Größen ihres Fachs wie Paul Ehrlich, einhergehend mit einer systematischen Verfolgung jüdischer Medizinerinnen und Medizinern.

Zum anderen führt sich der Begriff in dem gebrauchten Kontext quasi selbst ad absurdum: Medizin, begriffen als Wissenschaft wie eingangs beschrieben, braucht keine weitere Spezifizierung, sie beinhaltet evidenzbasierte Forschung, wissenschaftlichen Fortschritt und und bezieht Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Disziplinen mit ein, wenn beispielsweise neue Werkstoffe oder Techniken auch neue Behandlungsmethoden ermöglichen.

Vielmehr ist die Homöopathie eine “Schule”, die vor über 200 Jahren auf den Vorstellungen eines einzelnen Mannes begründet wurde, und deren bis heute unveränderte Thesen im Licht der heutigen Wissenschaft, um es vorsichtig auszudrücken, nur als “äußerst abenteuerlich” bezeichnet werden können.

Es reicht also vollkommen, von “Medizin” zu sprechen, wenn man sich auf wirksame Mittel und Methoden beziehen will. Betonenderweise könnte man noch von “evidenzbasierter Medizin” sprechen, da der Wirknachweis auf wissenschaftlicher Basis integraler Bestandteil der Definition und des Selbstverständnis der medizinischen Wissenschaft ist.

Müssen wir verstehen, wie etwas wirkt?

Oft wird als Argument für die Wirksamkeit von diversen alternativmedizinischen Methoden angeführt, dass man ja nicht alles verstehen müsse, die Wissenschaft wisse ja auch nicht alles. Es reiche doch, wenn es wirkt. Grundsätzlich stimmt dies sogar, und interessanterweise ist es den wenigsten Menschen, die so argumentieren, wirklich bewusst.

In der Tat reicht ein belegbarer Nachweis der Wirkung: Es muss beispielsweise in randomisierten, doppeltverblindeten Studien mit aussagekräftigen Methoden reproduzierbar nachgewiesen werden, dass eine Wirkung vorhanden ist. Wir müssen nicht notwendigerweise verstehen, was ein Medikament genau tut, wie der Wirkstoff genau für diese Wirkung sorgt. Das klingt im ersten Moment vielleicht verblüffend, wenn man sich beispielsweise darüber noch keine Gedanken gemacht hat, aber es gibt eine ganze Reihe von sogar sehr gängigen Präparaten, wo wir die genaue Wirkweise noch nicht vollständig verstanden haben. Diese haben aber die Hürden des Wirknachweises überwunden, ebenso wie die Untersuchung auf Verträglichkeit.

Sie haben sich teilweise schon Jahrzehnte bewährt, wie beispielsweise Ibuprofen oder eine ganze Reihe von Antidepressiva. Auch bei Acetylcystein (ACC) ist die genaue Wirkweise noch nicht geklärt, sicher ist aber, dass es eine schleimlösende Wirkung hat. Oder denken wir an den Wirkstoff Sildenafil, bekannt geworden unter dem Handelsnamen “Viagra”. Ursprünglich entwickelt als Medikament gegen Bluthochdruck, hat es sich als erektionsfördernd erwiesen und wird mittlerweile primär zur Behandlung erektiler Dysfunktion eingesetzt, findet aber auch beispielsweise in der Veterinärmedizin zur Behandlung von Lungenfibrose bei Hunden eingesetzt. Alles Anwendungsformen, die nicht ursprünglich im sprichwörtlichen Sinne des Erfinders waren, aber nach eingehender Untersuchung durchaus begrüßt wurden. Auch hier hat man von der Wirkungsweise, die zu der erektionsfördernden Nebenwirkung führt, eingangs nichts gewusst, hat sie aber dann später verstanden.

Aber was müssen wir denn wie nachweisen, damit etwas als Medikament gilt?

Ganz grob gesagt brauchen wir drei Dinge:

  • Reproduzierbare Ergebnisse – Es muss sichergestellt sein, dass die Studienergebnisse kein Zufall waren. Die Methodik und Transparenz einer Studie ist deshalb wichtig. Nur so kann eine Studie reproduziert werden, können Ergebnisse bestätigt werden.
  • Kausalität, nicht nur Korrelation – Es muss ein ursächlicher Zusammenhang bestehen. Zufällige Zusammenhänge zwischen Ergebnissen müssen ausgeschlossen werden. Beschränkt man sich nur auf zufällig gefundene Zusammenhänge und versucht darauf aufbauend eine Aussage zu bestätigen, könnte man auch einen verdächtigen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Menschen, die jährlich in Swimmingpools ertrinken und der Anzahl der Filme, in denen Nicolas Cage über das Jahr auftaucht, erkennen. Oder noch deutlicher: Diesen Punkt nicht zu beachten würde zu der legitimen Annahme führen, dass Hahnenkrähen Sonnenaufgänge hervorruft.
  • Verträglichkeit – Natürlich muss ausgeschlossen werden, dass die Einnahme eines Medikaments Schäden verursacht. Die Pharmakokinetik beschäftigt sich mit dem Weg des Wirkstoffs durch den Körper, wie er aufgenommen wird, wie er verstoffwechselt wird und was dabei an Neben- und Zwischenprodukten, sogenannten Metaboliten, entsteht, und wie diese ggf. auf den Organismus wirken können.

Dass es für die Untersuchung von Metaboliten und deren Wirkung eine eigene Teildisziplin, die Metabolomik, gibt, zeigt wieder einmal, wie komplex und vielschichtig die moderne Medizin ist, und wie nahezu unmöglich es ist, allen Teilaspekten in einem solch kurzen Artikel gerecht zu werden. Daher ist dieser grobe Überblick natürlich keine umfassende Beschreibung der Untersuchung und Zulassung eines Arzneimittels. Wer hier in die Tiefe gehen möchte, findet auf dem Blog von Petra Falb interessante Artikel. Das Zulassungsverfahren selbst ist für die EU beispielsweise in übersichtlichen 10 Bänden beschrieben. Es ist also komplex, und das aus gutem Grund. Weil nämlich bei allem, was unsere Gesundheit als höchstes Gut betrifft, eine besondere Vorsichtspflicht besteht.

An diesem Punkt mag man vielleicht an den sogenannten Contergan-Skandal, der Anfang der 60er Jahre nicht nur Deutschland bewegte, sondern auch weltweit für Aufsehen und vor allem Konsequenzen gesorgt hat, denken. Er ist ein gutes Beispiel, warum Medikamente mittlerweile strengen Richtlinien, was Qualität und Sicherheit angeht, unterliegen. Der Contergan-Skandal hat letztendlich dafür gesorgt, dass ab dann erstmals ein Nachweis über die therapeutische Wirksamkeit von Arzneimitteln gefordert wurde.

It’s medicine!

Wir haben also, ganz einfach gesagt, nur zwei Optionen:

Hinter gut klingenden Versprechungen zu Diagnose oder Therapie, mit denen geworben wird, verbirgt sich oft pseudowissenschaftlicher Unfug. Hier: “Irgendwas mit Quantendiagnostik”. Ersichtlich leider nur bei intensivem Studium der AGB. Der Anbieter dieser “Tests” begegnet kritischen Kommentaren unter seinen Werbeanzeigen übrigens umgehend mit Löschen und Blockieren. (Screenshot: Facebook/Medicross Labs)

Etwas hat den Wirknachweis erbracht, dann ist es Medizin. Dabei ist es wie gesagt unerheblich, ob wir genau verstanden haben, wie es wirkt. Oder etwas hat den Wirksamkeitsnachweis nicht erbracht (und lässt im Extremfall auch keine logische Vermutung über einen potenziellen Ansatz eines Wirkmechanismus erahnen), dann ist es keine Medizin. Auch keine Alternative dazu, denn etwas, das nicht wirkt, kann keine Alternative sein.

So sind diverse Methoden an dieser Hürde des Wirknachweises gescheitert, bzw. scheitern ständig aufs Neue, beispielsweise Quantendiagnose und Bioresonanztherapie, die in Tests sogar einem Leberkäse beste Gesundheit bescheinigt haben. Oder die Homöopathie, die für einen validen Beleg über 200 Jahre Zeit hatte und ihn bis jetzt nicht erbringen konnte.

Hierbei ist es auch unerheblich, was man selbst empfindet, wenn man solch eine “Alternative” selbst anwenden sollte. Wenn es nicht sogar zu Schäden kommt, weil besagte Alternative in sich selbst schädlich ist, wie beispielsweise das berühmt-berüchtigte “Miracle Mineral Supplement” des ehemaligen Scientologen und selbsternannten Bischof der selbstgegründeten Genesis II Church of Health and Healing, Jim Humble. Dieses stellt im Endeffekt industrielle Chlorbleiche dar, die teils als Einlauf verabreicht werden soll. Auch extrem gefährlich ist sogenannte “schwarze Salbe”, die zwar nicht, wie ihr nachgesagt wird, gegen Krebs hilft, aber dafür die behandelten Hautpartien zuverlässig absterben lässt.

“Es hat mir aber geholfen” ist kein Argument oder Beleg für allgemeine Wirksamkeit. Sogenannte “anekdotische Evidenz”, die nur ein subjektiv empfundener Einzelfall ist, ist kein Ersatz für randomisierte, doppeltverblindete Studien oder generell Ergebnisse teils jahrzehntelanger Forschung.

Interessant, und auch Gegenstand umfassender Forschung, ist der sogenannte Placebo-Effekt. Sogenannte “Scheinmedikamente”, die keinen Wirkstoff beinhalten. Diese Art der Wirkung ist belegt und mittlerweile gut verstanden. Ebenso der sogenannte Placebo-by-Proxy-Effekt, der beispielsweise beschreibt, warum Homöopathika anscheinend auch bei Haustieren oder kleinen Kindern wirken.

Dass nicht automatisch eine neu publizierte Studie den aktuellen Stand der Forschung über den Haufen wirft ist eine Tatsache, die oft in Argumentationen pro alternativmedizinischer Methoden ignoriert wird. Dass auf einmal eine Studie die Wirksamkeit der Homöopathie zu belegen glaubt, muss nichts heißen, auch wenn es auf den ersten Blick (besonders für Laien!) so aussieht. Ein anschauliches Beispiel liefert hier nochmal David Ghasemi, der im Rahmen eines von der GWUP und des INH ausgelobten Wettbewerbs eine solche Studie analysiert hat. Coronabedingt fand die Preisverleihung im Rahmen der Verleihung des Goldenen Aluhuts 2021 statt; die Präsentation seiner Ergebnisse, die exemplarisch für sehr viele dieser angeblich beweiskräftigen Studien steht, ist hier zu sehen:

 

Natürlich schädlich

Oft wird als Argument für die Notwendigkeit alternativer Heilmethoden angeführt, dass eine “sanftere” Therapie eine schonendere Heilung oder andere wohlklingende Vorteile haben würde. Bei dieser Argumentation liegen allerdings gleich mehrere Denkfehler zugrunde.

Zuallererst wird als Grundlage des Arguments davon ausgegangen, dass eine herkömmliche, evidenzbasierte Medikation oder Therapie in jedem Fall auf irgendeine Weise schädlich sei. Es wird dabei subtil ein Bild von “bösen, chemischen Medikamenten” vermittelt, denen man eine “sanfte, natürliche Alternative” gegenüberstellt. Sanft und natürlich werden hier in einem Atemzug genannt, was aber bei weitem nicht immer der Realität entspricht.

Inhaltsstoffe einer natürlichen Banane. Bild: James Kennedy

Ein gutes Beispiel ist ein Medikament, das wir alle kennen: Acetylsalicylsäure (ASS), auch als Aspirin bekannt. Salicylsäure wird seit der Antike verwendet. In Weidenrinde und anderen natürlichen Lieferanten enthalten, ist die Anwendung bei den Sumerern, im alten Ägypten und antiken Griechenland verwendet. Die natürliche Form brachte natürlich diverse Nachteile mit sich. Außer dem gewünschten Wirkstoff enthalten Pflanzen oder Tees, Rinde oder andere Lieferanten natürlich auch diverse andere Substanzen, die die Verträglichkeit beeinflussen. Außerdem ist nicht immer leicht abzuschätzen, wie potent dieser Lieferant ist, wieviel Wirkstoff man letztendlich einnimmt, wenn man sich aus einem Stück Rinde einen Tee bereitet.

Einen Weg, den Wirkstoff in seiner reinen, stabilen Form zu synthetisieren, fand man erst nach Jahrtausenden, am 10. August 1897 im Bayer-Stammwerk in Wuppertal-Elberfeld, wo erstmals nebenproduktfreie o-Acetylsalicylsäure hergestellt werden konnte. Damit konnten Nebenwirkungen weitestgehend vermieden werden und vor allem war eine verlässliche und genaue Dosierbarkeit möglich. Ein Fortschritt in jeglicher Hinsicht gegenüber der natürlichen Vorlage.

“Natürlich” und “naturidentisch” ist, was die Molekülstruktur eines Stoffes angeht, gleich. Der einzige Unterschied zwischen zwei solchen Stoffen ist die Art der Gewinnung, was aber in dem Stoff selbst nicht mehr nachweisbar ist – sie sind identisch, daher heißt es ja auch “naturidentisch” und nicht “irgendwie so ähnlich wie natürlich”.

Natur ist nicht immer gleichbedeutend mit sanft, und ebenso wenig ist Chemie immer “böse” oder zumindest irgendwie “unsanft”. Alles ist Chemie. Wasser besteht aus chemischen Molekülen, unsere Luft besteht primär aus Sauerstoff, Stickstoff, sowie Argon, weiteren Edelgasen und (leider immer mehr) Kohlendioxid. Natürliche Vorgänge wie Fotosynthese sind biochemische Abläufe. Auch Wirkstoffe in Heilpflanzen haben eine chemische Struktur, sind auch Chemie.

Das Argument ist bei genauerer Betrachtung also eigentlich gar keins, da die vorausgesetzte Notwendigkeit einer “natürlichen Alternative” überhaupt nicht existiert. Viel naheliegender ist es, Therapien und Medikamente weiter zu verfeinern um zielgerichteter zu wirken. Ein gutes Beispiel ist hier die Chemotherapie. Die ersten Präparate waren regelrecht brachial, die Nebenwirkungen teilweise extrem. Heutige Chemotherapien wirken viel gezielter, die Nebenwirkungen sind zwar immer noch nicht zu verachten, aber kein Vergleich zu denen der ersten Generation.

Ein ebensolches Schlagwort wie “natürlich” ist “ganzheitlich”. Ganzheitliche Medizin will den Menschen als Ganzes in seinem Umfeld betrachten, wenn es um Diagnostik und Therapie geht. Als Gegensatz wird hier dann oft wieder die “Schulmedizin” bemüht, die – so die gängige Darstellung – dies eben nicht täte, und wie mit Scheuklappen nur den eigenen Fachbereich sähe und dabei womöglich wichtige Umstände ignoriere. Die evidenzbasierte Medizin arbeitet aber nun mal nicht mit Scheuklappen, sondern bezieht ganz bewusst Erkenntnisse und Faktoren aus relevanten Bereichen mit ein, betrachtet den Menschen also per se ganzheitlich. Dass es auch gute oder schlechte Medizinerinnen und Mediziner gibt, und dass ein Arztwechsel auch durchaus eine Option sein kann und sollte, wenn beispielsweise die Vertrauensbasis verletzt ist, ist richtig. Jedoch kann man dies selbstverständlich nicht als allgemeingültige Aussage und Argument verwenden.

Medizin ist Wissenschaft

Wissenschaft entwickelt sich weiter. Neue Erkenntnisse eröffnen neue Möglichkeiten. Das Wissen, was wir heute im Gegensatz zu vor 20 Jahren haben, hat schon unzähligen Menschen geholfen. Für Laien ist es oft schwer, medizinische oder wissenschaftliche Aussagen einzuordnen. Gefühlte Wahrheiten und oft gefährliches Halbwissen beeinträchtigen oft die Urteilskraft. Verunsicherung ist die Folge, die dann den verlockend klingenden, pseudowissenschaftlichen Narrativen die Tür öffnet.

Ein empfehlenswertes Buch in diesem Zusammenhang ist das bereits vor einigen Jahren erschienene und jetzt in einer überarbeiteten Neuauflage erhältliche Buch von Dr. med. Natalie Grams-Nobmann “Was wirklich wirkt”. Ein Kompass durch die Welt der sanften Medizin.

“Sie klärt auf, welche Verfahren wirken, was die Gründe dafür sind – und wie die moderne Medizin trotz ihrer Schwächen das Vertrauen der Patienten zurückgewinnen kann. Ein Buch, das endlich Orientierung im Dschungel medizinischer Mythen verschafft, auch und gerade in Zeiten von Corona.”

Eine humoristische Herangehensweise, die aber oft genug die Dinge auf den Punkt bringt, sind unter anderem die Bühnenprogramme von bereits zitiertem Dara Ó Briain. Zum Abschluss noch ein Zusammenschnitt aus dem Programm von 2008 – was auch wieder einmal zeigt, dass das Thema auch in den letzten 14 Jahren nicht an Aktualität verloren hat.

 

 

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